Interview mit Übersetzerin Montserrat Varela

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Jetzt auch auf Deutsch, das ursprünglich erste Übersetzerinterview auf LingoIO mit Montserrat Varela. Click here to read this interview in English. Unsere Interviewserie mit Übersetzern und Übersetzerinnen aus aller Welt stellt die Diversität der Branche dar. Wir wollen einige der großartigen Menschen näher vorstellen, die unsere Welt in einen mehrsprachigeren Ort verwandeln. Viel Spaß beim Lesen des Interviews mit Montserrat von puntoyaparte.de

Erzähle uns ein wenig von Dir. Wie lang Du schon als Übersetzerin arbeitest und was Dein Hintergrund ist. Wie kann man Dich kontaktieren?

montserrat varela2-1024x680-300x199Mein Name ist Montserrat Varela, ich komme aus Spanien und ich bin ausgebildete Germanistin. Das Studium habe ich in Barcelona absolviert und danach bin ich nach Deutschland gegangen. Die ersten Jahre in Deutschland habe ich viel Spanisch unterrichtet. 2003 sind mein Mann und ich nach München gezogen und ab dann habe ich angefangen zu übersetzen, immer vom Deutschen ins Spanische und Katalanische. Gleichzeitig habe ich auch für Fachverlage gearbeitet und Lernmaterialien veröffentlicht. Seitdem arbeite ich als Übersetzerin, Lektorin und Autorin von Lernmaterialien für Spanisch als Fremdsprache. Da ich kaum mehr unterrichte, arbeite ich von zu Hause aus und kann meine Arbeit mit der Betreuung unserer beiden Söhne sehr gut kombinieren. Um mich bekannt zu machen, habe ich eine eigene Webseite mit Blog (www.puntoyaparte.de) und bin bei XING, LinkedIn und Twitter zu finden (@spanisch_muc). Über eine eigene Webseite bei Facebook denke ich noch nach.

Warum wurdest Du Übersetzerin? Woher kommt Deine Leidenschaft für Sprachen?

Mit dem Umzug nach München habe ich nicht viel Arbeit als Spanischdozentin gefunden. Um mich Selbstständig zu machen, habe ich eine Weiterbildung gemacht, und gleichzeitig einige Seminare vom BDÜ besucht. Von da an habe ich immer mehr Übersetzungsaufträge erhalten. Was mich an der Arbeit als Übersetzerin fasziniert, ist der Vergleich zwischen den Sprachen, und das Schreiben an sich. Denn Übersetzen ist eigentlich ein Prozess des Wiederschreibens. Man schreibt einen Text neu nach den Regeln der Zielkultur. Dabei muss der Übersetzer immer im Auge behalten, wie man den deutschen Text in die Zielsprache überträgt, und zwar nicht nur grammatikalisch und lexikalisch korrekt, sondern auch unter Achtung der Interpunktion in der Zielsprache. Es gibt grundsätzlich zwei Ansätze beim Übersetzen: einerseits zum Autor hin, also so wörtlich wie möglich, andererseits zum Leser hin, also so verständlich wie möglich in der Zielsprache und -kultur, wobei man dies nicht als völlige Abweichung vom Ausgangstext missverstehen sollte. Ich tendiere zum zweiten Ansatz, besonders bei Marketingtexten, ohne den Ausgangstext aus dem Augen zu verlieren.

Was hast Du im letzten Jahr gemacht, um Dich weiterzubilden?

In den ersten Jahren in München habe ich einige Weiterbildungsseminare vom BDÜ besucht. Dadurch habe ich das CAT-Tool across kennengelernt, das ich regelmäßig benutze. Ich habe mich auch vernetzt, sowohl online als auch hier in München offline, und seit etwa drei Jahren lese ich regelmäßig Übersetzerblogs. Jetzt, da unsere Kinder klein sind und ich nicht mehr so oft zu Seminaren gehen kann, lese ich auch viel Fachliteratur. Die letzten beiden Bücher, die ich gelesen habe sind "Manual de traducción" von Peter Newmark, ins Spanische übersetzt, und "Traducción y Traductología" von Amparo Hurtado Albir , ein sehr guter Überblick über die Übersetzungswissenschaft.

Wie bereitest Du Dich für einen neuen Übersetzungsauftrag vor?

Zunächst lese ich den gesamten Text, wenn möglich zusammen mit Bildmaterial: Katalog, Webseite, Onlineshop usw. Bei Betriebsanleitungen frage ich immer nach Bildern, wenn der Kunde sie mir noch nicht vorher geschickt hat. Und dann spiele ich das Dokument in meinem CAT-Tool ein. Manchmal werden einige Wörter oder Sätze vorübersetzt. Dann muss ich bei der Übersetzung vergleichen, ob die Übersetzung, die der Software mir vorgibt mit dem aktuellen Text übereinstimmt. Aber dann bin ich schon mitten im Übersetzungsprozess.

Was sind die herausforderndsten Aspekte Deiner Arbeit?

Für mich ohne Zweifel die Suche nach neuen Kunden. Von mir kann ich behaupten, dass ich meine Arbeitssprachen beherrsche und sie auch analysieren kann. Nicht aber, dass ich gut bin in Selbstmarketing. Das ist nicht mein Ding, obwohl ich mit der Zeit gerlernt habe, mich zu präsentieren und meine Dienstleistungen anzubieten und zu beschreiben.

Was ist das aufregendsten an Deinen Arbeitssprachen?

Die Unterschiede in der Interpunktion und die falschen Freunde. Das sind wahre Fallen. Zum Beispiel das Komma. Es wird im Deutschen und im Spanischen völlig unterschiedlich verwendet, und ich habe mich schon einige Male dabei ertappt, ein deutsches Komma im spanischen Text ohne Absicht übernommen zu haben. Wenn man hinterher seinen eigenen Text nicht selber lektoriert (oder besser, lektorieren lässt), kann man viele "dumme" Fehler machen.

An welche besonders amüsante Anekdote aus Deiner Arbeit kannst Du Dich erinnern?

PuntoyaparteDie Übersetzung für das Audioguide einer Ausstellung über den Pharao Tutanchamun vom Deutschen ins Katalanische. Die Ausstellung sollte in Barcelona zu sehen sein, und so hat man mich kontaktiert, um die Spanische und die Katalanische Übersetzung zu machen. Vom Umfang her und wegen der Zeit konnte ich beide Übersetzungen nicht machen. So hat die spanische Übersetzung eine Kollegin übernommen, die den Beruf leider aufgegeben hat, und ich die katalanische. Wir haben beide gleichzeitig übersetzt, und es war sehr interessant zu sehen, wie wir beide in manchen Stellen zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der Übersetzung mancher Fachbegriffe gekommen sind. Bei der Vereinheitlichung haben wir viel von einander und vom Auftraggeber gelernt. Gleichzeitig war ich damals zum ersten Mal in Elternzeit, sodass ich erst zum Arbeiten gekommen bin, wenn mein Sohn geschlafen hat, oder Gespräche mit meiner Kollegin über die Übersetzung mit einem Bilderbuch in der Hand geführt habe.

Was sind positive wie negative Aspekte von freiberuflicher Arbeit?

Das beste, Freiberufler zu sein ist, dass man sehr unterschiedliche Projekte machen kann, von unterschiedlichen Kunden und unterschiedlichen Branchen. Auch wenn man immer als Dienstleister außen vor bleibt, bekommt man einen Einblick in die Branche und man lernt eine Menge dabei. Jedoch bleiben einige Kunden auch treu. Mit manchen Stammkunden kann man manchmal Beziehung aufbauen, selbst wenn man sich nicht persönlich kennt. Die Übersetzerin Miriam Neidhardt hat die Kundenbeziehungen in diesem Beitrag sehr treffend beschrieben. Ein Nachteil ist die Unsicherheit, wenn die Projekte ausgehen und man keine neuen Projekte in Sicht hat. Das geht mit der Unberechenbarkeit der Einkünfte einher. Und mir liegt die Kundensuche nicht, wie ich schon gesagt habe. Aber auf ein Tief folgt immer ein Hoch.

Was wünscht Du Dir für 2014? Was wird aufregend, was stimmt Dich skeptisch?

Meine Wünsche für 2014 sind im Wesentlichen zwei: an meinem Blog weiter zu schreiben über meine Arbeit und den Vergleich zwischen Spanisch und Deutsch und weitere Kunden zu finden. Über meine Pläne für dieses Jahr habe ich einen Blogartikel Anfang Januar geschrieben (auch für mich, um diese Ziele nicht aus den Augen zu verlieren): www.puntoyaparte.de/planung-und-ziele-fuer-das-neue-jahr/ Ob ich alles erreichen kann, wird sich sehen.

Was würdest Du Neulingen als Rat mit auf den Weg geben?

Dass der Aufbau des eigenen Geschäfts eine sehr langfristige Angelegenheit ist. Man muss sich Ziele setzen, bereit sein, Absagen zu akzeptieren und immer wieder weiter machen. Und man kann aus Fehlern lernen. Denn man macht Fehler, das ist unvermeidlich. Ich habe einige gemacht, und ich nehme sie wie sie sind, als Lernprozess. Aber man darf sich auch über den eigenen Erfolg freuen, denn der kommt ganz bestimmt, schließlich sind wir alle Profis und bieten eine erstklassige Dienstleistung an :)

Vielen Dank an Montserrat für die Antworten! Wenn Du auch Teil dieser Serie sein möchtest, schreib uns einfach an via Email an [email protected]. Wir freuen uns ebenso auf Gastartikel. Bleib am Ball und sei neurigig, melde Dich auf lingo.io an!