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Sei neugierig, flexibel und selbstdiszipliniert – Interview mit Hélène Ericke

Unsere Interviewserie mit Übersetzern und Übersetzerinnen aus aller Welt stellt die Diversität der Branche dar. Wir wollen einige der großartigen Menschen näher vorstellen, die unsere Welt in einen mehrsprachigeren Ort verwandeln. Viel Spaß beim Lesen des Interviews mit Hélène Ericke.

Erzähle uns ein wenig von Dir. Wie lang Du schon als Übersetzerin arbeitest und was Dein Hintergrund ist.?

HŽlne ErickeJa, gerne, aber zunächst vielen Dank für die Möglichkeit, dieses Interview mit Ihnen führen zu dürfen!

Mein Name ist Hélène Ericke, ich bin vor fast 49 Jahren in Mittelfrankreich geboren worden und dort aufgewachsen. Nach dem Abitur in naturwissenschaftlichen Fächern (Mathematik und Physik) habe ich mich zunächst für ein Touristikstudium (mit Schwerpunkt Englisch) und später für ein Studium der Germanistik entschieden. Diese Studien habe ich in Angers bzw. Straßburg innerhalb der jeweiligen Regelstudienzeiten (2 bzw. 5 Jahre) absolviert und erfolgreich mit einem Brevet de Technicien Supérieur (B.T.S.) in Touristik und einem Master in Germanistik abgeschlossen. 1999 habe ich die Prüfung zur Übersetzerin vor der IHK zu Dortmund erfolgreich abgelegt. Im selben Jahr wurde ich durch das OLG in Schleswig als Urkundenübersetzerin für Französisch ermächtigt. Seit 2010 arbeite ich als freiberufliche Übersetzerin, Dolmetscherin und Lektorin für Französisch. Ich übersetze aus dem Deutschen und aus dem Englischen. Ich wohne und arbeite in Norddeutschland.

Warum wurdest Du Übersetzerin? Woher kommt Deine Leidenschaft für Sprachen?

Ich hatte mich schon lange mit dem Gedanken befasst, Übersetzerin zu werden, bin aber erst über Umwege dazu gekommen. So bin ich zunächst im Anschluss an mein Studium der Touristik nach Deutschland in der Hoffnung umgezogen, eine Stelle in der Tourismusbranche zu ergattern. Es lief jedoch anders als geplant, und ich fand eine Arbeit nicht, wie erhofft, in der Tourismusbranche – mein Diplom war damals für deutsche Arbeitgeber ein Buch mit sieben Siegeln – sondern in der Finanzbranche! So habe ich fünf Jahre lang in einem Brokerbüro gearbeitet, das für die Abwicklung von Warentermingeschäften zuständig war. Die Arbeit lag mir sehr, da ich sehr gut mit Zahlen umgehen kann und die Arbeitssprache mit den Kollegen und den weltweiten Börsen Englisch war. Irgendwann habe ich mich dann entschieden, mich umzuorientieren und habe die Tätigkeit gewechselt. Ich habe danach als kaufmännische Angestellte in der deutschen Filiale eines französischen Unternehmens gearbeitet, das sich mit der Herstellung und dem Vertrieb von Parfüm beschäftigte. Es war jedoch nicht das richtige Metier für mich, und so dauerte es nicht lange, bis ich aufhörte, um bald darauf in einer kulturellen Stiftung anzufangen. Das war 1994, und von einer Tätigkeit als Übersetzerin war ich noch weit entfernt. 1999 jedoch habe ich mich dann entschieden, einen ersten konkreten Schritt in diese Richtung zu tun, in dem ich mich zur Prüfung zur Übersetzerin vor der IHK zu Dortmund anmeldete. Es bedurfte aber noch mehr als 10 Jahren (!) bin ich endlich „loslegte“. Was lange währt, wird endlich gut!

Was sind positive wie negative Aspekte von freiberuflicher Arbeit?

Als Freiberufler hat man kein regelmäßiges Einkommen. Dies kann für eine Lebensplanung auf lange Sicht ein Handikap sein. Wer z.B. bauen oder Eigentum erwerben möchte, muss bei dem Kreditinstitut Sicherheiten nachweisen. Als Freiberufler ist dies nicht immer einfach.

Auch muss man in der Anfangsphase das Finanzamt von seiner ernsthaften Absicht überzeugen, in absehbarer Zeit ein substanzielles Gewinn zu erwirtschaften. Auch das kann zu psychischen Belastungen bei dem Freiberufler führen, ebenso wie der Umgang mit säumigen Kunden. Man sollte sich also ein „dickes Fell“ zulegen, bevor man sich für eine freiberufliche Tätigkeit entscheidet.

Wiederum ist es für mich fast wie ein Aphrodisiakum, wenn die Auftragslage gut läuft, die Kundschaft zufrieden ist und natürlich… pünktlich zahlt. Es ist auch eine immense Genugtuung, wenn man die Arbeit liefert und daraufhin eine positive Rückmeldung erhält. Das motiviert einen ungemein. Nicht, weil man meint, die Übersetzung hätte nicht besser sein können – sie kann immer besser sein – sondern weil die Leistung anerkannt wird.

Als Übersetzer lernt man auch sehr viel Neues aus verschiedenen Fachgebieten kennen, je nachdem womit man sich gerade beschäftigt (Internetauftritt im Bereich Pferdesport, Lehrbriefe für ein wirtschaftliches Institut, Marketingbroschüre zum Vertrieb von Schmuckstücken usw.). Es ist eine unglaubliche Bereicherung an Wissen. Außerdem ist die Arbeit als Übersetzer eine sehr personennahe Arbeit – zumindest für ermächtigte Übersetzer. Mit „personennah“ meine ich, dass man mit ganz persönlichen Angelegenheiten der Kundschaft konfrontiert wird. Man übersetzt ja Geburtsurkunde, Abiturzeugnisse, Hochschulzeugnisse, Heiratsurkunde, Anträge auf Kindergeldbewilligung, Scheidungsurteile, Todesurkunde, Testamente und und und. Ganze Schicksale gehen so über unsere Schreibtische – und man ist nicht selten stummer, geduldiger Zeuge eines Menschenlebens. Für mich ist dies immer wieder faszinierend.

Und das vielleicht Schönste an dem Beruf des Übersetzers ist: Man kann diese Tätigkeit von überall aus und zu jeder Zeit ausüben. In einem Mittelreihenhaus im Norddeutschland oder in einer Ferienwohnung in Südfrankreich. Im Garten oder in der Küche. In der Nacht oder am Tag. Tagtäglich oder “nachtnächtlich”, um Rose Ausländer zu zitieren. Es ist für mich Freiheit pur. Es ist meine Leidenschaft, und wenn ich übersetze, bin ich glücklich!

Welche Faktoren haben Dir am meisten beim Self-Marketing geholfen?

Zunächst waren für mich professionelle Fachverbände für Dolmetscher und Übersetzer von großer Wichtigkeit und der erste Schritt in die Selbstvermarktung. Als Deutsch-Französin bin ich Mitglied in zwei deutschen Verbänden (ADÜ Nord und BDÜ) und zwei französischen Verbänden (SFT = Société Française des Traducteurs und ATLF = Association des Traducteurs Littéraires de France). Eine Mitgliedschaft ist ein Qualitätssiegel und eine Auszeichnung, und für mich deshalb von größter Bedeutung. Außerdem geben die Verbände die Möglichkeit, sich selbst, seine Qualifikation und seine Arbeit zu präsentieren. Die Mitglieder sind in einer Datenbank aufgelistet und somit für jeden Kunden kostenfrei, schnell und ohne großen Aufwand auffindbar (u.a. über die gesuchte Sprachkombination und das Fachgebiet). Damit erübrigt sich der Weg über eine Agentur für den Direktkunden. Ein richtiger Gewinn für ihn!

Natürlich vermarke ich mich auch zeitgemäß über professionelle soziale Netzwerke, wobei ich derzeit nur Mitglied von Xing bin (www.xing.com/profile/Helene_Ericke). Auf Dauer werde ich aber auch sicherlich anderen Netzwerken wie beispielsweise viadeo, das in Frankreich stark verbreitet ist, oder auch LinkedIn beitreten.

Neben diesen Plattformen spielt die Öffentlichkeitsarbeit eine große Rolle in meiner Selbstvermarktung, so wie beispielsweise die Presseartikel „Erfolgreiche Dolmetscherin. Die Norderstedterin Hélène Ericke belegt bei dem lyrischen Wettstreit „Versschmuggel“ einen der vorderen Plätze“ (Hamburger Abendblatt, 15.03.2013) oder „LYRIK-WETTBEWERB. Die Übersetzung von Hélène Ericke überzeugte“ (BERLINER Rundbrief Nr. 146, Heft 1/2013, S. 22), die nach meiner erfolgreichen Teilnahme an „VERSschmuggel/réVERSible“, dem Wettbewerb zum Poesietransfer von ARTE und dem Deutsch-Französischen Jugendwerk veröffentlicht worden sind.

Was machst Du heute anders im Vergleich zu den Anfängen Deiner Karriere wenn Du mit Kunden und Partnern zu tun hast?

Eigentlich empfinde ich es, als ob ich noch in der Anfangsphase meiner Tätigkeit wäre, und dies obwohl ich schon seit 4 Jahren freiberuflich tätig bin. Vieles ist mir noch neu, vor allem auf dem steuerlichen Gebiet, da ich nicht nur Übersetzerin, Dolmetscherin, Lektorin sondern auch Empfangsdame, Sekretärin, Pressesprecherin, Marketingleiterin und selbstverständlich meine eigene Buchhalterin bin. Dies ist nichts Außergewöhnliches bei Freiberuflern, aber für jeden Einzelnen eine ständige Herausforderung.

Eins habe ich aber im Laufe der Jahre schon gelernt: Wie wichtig es ist, die Kommunikation mit den Kunden, den Kollegen und den sonstigen Partnern zu suchen. Sprechen beseitigt Missverständnisse und beugt Frustrationen vor. Probleme werden dadurch im Keim erstickt. Ich versuche deshalb immer, Fragen so gut und ausführlich zu beantworten, wie es mir möglich ist.

Welche online und offline Informationsquellen liest Du regelmäßig?

Ein Muss ist für mich die Lektüre der Fachzeitschriften, die von den Fachverbänden herausgegeben werden, also MDÜ vom BDÜ, die Berliner Rundbriefe vom BDÜ Berlin-Brandenburg, die Infoblätter vom ADÜ Nord und die Zeitschrift TransLittérature von der ATLF. Ich lese auch blogs wie das Blog de l ́ATLF, welches über die Belange der Literaturübersetzer in Frankreich informiert. Mein Lieblingsblog ist „Ma voisine millionnaire“ (mavoisinemillionnaire.com), das ich vor allem lese, um zu entspannen. Ich lese auch die deutsche und die französische Presse regelmäßig. Da sie beide zeitgleich über viele ähnliche Themen berichten, ist dies neben dem Informationsinput für mich auch eine wunderbare terminologische Quelle.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Dich aus?

Meine Arbeitstage sind eigentlich unterschiedlich, je nachdem ob ich übersetzen soll oder einen Dolmetscherauftrag habe. Einen festen Tagesablauf habe ich nicht. Übersetzen oder nicht übersetzen, das ist hier die Frage, die ich mir vielmehr jeden Tag stelle. Ohne Auftrag, keine Übersetzung. Es kann auch leicht passieren, dass einen ganzen Tag lang nichts hereinkommt und um 19.00 Uhr, wenn ich schon nicht mehr damit rechne, ein super dringender Auftrag hereinflattert! Lieferung: am darauffolgenden Tag um 08.00 Uhr. Dann heißt es, alles andere stehen und liegen lassen und loslegen! Und wenn ich nicht übersetze, lese oder recherchiere ich für einen Auftrag, bin auch auf Xing unterwegs, schreibe Rechnungen, versuche zu akquirieren, bilde mich fort oder beschäftige mich mit meinen Katzen!

Wenn Du etwas in Deiner Arbeitsumgebung ändern könntest, was würde es sein?

Am liebsten würde ich meine Arbeitsumgebung in regelmäßigem Abstand von 3, 4 Jahren wechseln, um Abwechslung und Inspiration zu finden, und als „Wanderübersetzerin“ arbeiten wollen. Heutzutage, im Zeitalter von Internet, wäre dies gar kein Problem und auch kein Nachteil weder für mich noch für meine Kundschaft. Aber als ermächtigte Übersetzerin ist die Wanderung nicht ratsam, zumindest nicht wenn man die für ein bestimmtes Bundesland erteilte Ermächtigung nicht gefährden möchte. Die Ermächtigung ist nämlich an dem Wohnsitz des ermächtigten Übersetzers gekoppelt.

Was vermisst Du von aktuellen CAT Tools? Wie sieht das CAT Tool Deiner Träume aus?

Keine Ahnung! Ich arbeite nicht mit TM-Systemen. Sicherlich sind sie von Vorteil, aber ich habe deren Vorteile für mich noch nicht entdeckt. Sie geben mir unweigerlich das Gefühl, am Fließband arbeiten zu müssen, und das möchte ich nicht. In meinen Augen braucht eine Übersetzung ihre Zeit, um zu entstehen, sie muss „reifen“. Ich schreibe sie deshalb selbst, Wort für Wort, schlafe am liebsten eine Nacht darüber (es geht natürlich nicht immer!) und überprüfe sie am Folgetag nochmals. Und es ist immer wieder erstaunlich festzustellen, dass ich dann meistens Korrekturen an meiner eigenen Arbeit durchführen muss, weil die Erstfassung mir dann doch nicht mehr zufriedenstellt. Das ist meine Konzeption der Arbeit. Aber natürlich habe ich meine eigenen Terminologie-Datenbanken, die von meinen Recherchen resultieren, und die mich unterstützen. Ich muss ja auch nicht immer, das Rad neu erfinden!

Was würdest Du Neulingen als Rat mit auf den Weg geben?

Werde Übersetzer nur, wenn es Deine Leidenschaft ist. Ansonsten mache etwas anderes!

Und wenn Du es wirst, erwarte dann nicht, reich zu werden. Sei neugierig, flexibel und selbstdiszipliniert, schone Deine Kräfte und – wenn Du über einen langen Zeitraum Freude an der freiberuflicher Tätigkeit haben möchte – bleibe gesund!

Vielen Dank für das Interview!

 

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